Schönes Leben

Die Toiletten – mein Dilemma

Hilfe, ich muss mal!

Ich liebe Luxushotels! Sie haben nicht nur die schönsten Suiten, die elegantesten Bars und komfortabelsten Lounges, sie haben auch die besten Toiletten — behindertengerechte Toiletten. Naja. zumindest die Neuen und richtig Guten. Allerdings stehen weder hierzulande noch im Rest der Welt an jeder Ecke solche Hotels, was nicht weiter schlimm ist, nur stehen einem eben auch keine behindertengerechten Toiletten zur Verfügung und das ist mehr als ärgerlich.

Keine Toilette weit und breit. Eine Horrorvorstellung. Und scheinbar nicht nur für Rollstuhlfahrer. Denn Aldi und Lidl beispielsweise haben angekündigt, in sämtliche neuen Filialen Kundentoiletten einzubauen. Selbstverständlich geschieht das nicht nur aus Uneigennützigkeit. So investieren Discounter  Millionen von Euro in Image und Service. Denn schon lange sind die Zeiten vorbei, in denen der Wettbewerb im Handel nur über den Preis geführt wurde. Die Servicequalität entscheidet heute über den Erfolg und Kundentoiletten rangieren eindeutig ganz weit vorne unter den Bewertungskriterien.

Die Toiletten, das zentrale Thema meines Alltags

Lange Rede kurzer Sinn. Stellen Sie sich vor, Sie gehen essen, oder was trinken, doch dort gibt es keine Toilette. Bei dem Gedanken vergeht einem schon im Vorfeld der Appetit.

Geschätzt würde ich sagen, sind dreiviertel aller Toiletten in Gaststätten nicht behinderten gerecht. Gefühlt sind es 98 Prozent. Man kann sagen, eigentlich dreht sich in meinem Alltag (fast) alles um die Toilette.

Da bleibt die Spontanität auf der Strecke. Und wie sagt es Michelle Holtmeyer in ihrer Besprechung der besten drei Toiletten-Finder Apps so nett:

 

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Besser ist besser: Immer die nächste Toilette im Blick…

„Menschen mit Eichhörnchenblase haben es nicht leicht. Sind sie unterwegs, müssen sie sich ständig nach einem stillen Örtchen umschauen, da die Blase drückt und sie im Optimalfall immer eine Toilette in der Nähe haben möchten.“ Dies ist per se um die Rollstuhlfahrerin zu ergänzen, denn sie muss die nächste für sie zugängliche Toilette immer im Blick haben, um ein Malheur zu verhindern. Kann sie doch nicht bei der nächst besten Gelegenheit austreten.  Um diese den Lebensradius einschränkende Barriere zu umgehen, bedarf es größtmöglicher Disziplin.  

Eine zweite, oder gar dritte Tasse Kaffee zu bestellen, sollte man sich besser zwei oder gar drei Mal überlegen.

Habe ich früher auf die Nachfrage der Kellnerin, ob ich noch etwas trinken möchte mit einem Lächeln verneint, kommt mir heute dagegen immer häufiger ein „besser nicht, wegen der fehlenden Toiletten für mich“ über die Lippen. Gerne frage ich dann auch nach, ob sie eine behindertengerechte Toilette haben, Es ändert zwar nichts, ich habe es aber wenigstens mal angesprochen.

Unkonventionelle Lösungen

Auf jeden Fall sollte man nach einer behindertengerechten Toilette fragen. Auch wenn man es nicht vermutet, man erlebt durchaus positive Überraschungen – manchmal. So gab es in Fulda in dem wunderbaren Café Thiele, in dem ich mir sicher war, dass es dort keine Toilette für Rollstuhlfahrer gab, zur Antwort, nein wir haben zwar keine Rollstuhl Toilette doch direkt gegenüber ist ein behindertengerechtes öffentliches WC. Da war ich dann mal sprachlos. Die Lösung ist nicht unbedingt die eleganteste, aber praktikabel.

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Das stille Örtchen bei Leni liebt Kaffee ist richtig schön designt.

Gerne besuche ich auch das Bistro Leni liebt Kaffee in Aachen. Nicht zuletzt wegen einer Toilette für mich. Dort hat scheinbar ein kluger Kopf bei der Planung der Toiletten mitgedacht. Das Bistro ist von mittlerer Größe. Jeder Quadratmeter ist gut genutzt und meistens auch gut besucht. Für die Toiletten bleibt da nicht viel Platz. aber ein behinderten gerechtes WC ist vorhanden. Die Lösung ist ein Kompromiss. Das stille Örtchen ist gleichzeitig Damentoilette, Babywickelraum und barrierefrei.  Und sogar richtig schön designt.

Der Euroschlüssel

Damit die rollstuhlgerechten stillen Örtchen auch für alle zugänglich sind, hat der CBF Darmstadt – Club Behinderter und ihrer Freunde in Darmstadt und Umgebung e. V. – 1986 den Euroschlüssel auf den Weg gebracht. Dieses europaweite einheitliche Schließsystem ermöglicht es körperlich beeinträchtigten Menschen mit einem Einheitsschlüssel selbständig und kostenlos Zugang zu behindertengerechten sanitären Anlagen, zum Beispiel an Autobahnen, Bahnhöfen oder in Fußgängerzonen, aber auch in Museen oder Behörden zu erhalten. Als langjähriger Nutzerin hat er mir gute Dienste erwiesen. Ich möchte ihn nicht mehr missen.

Übrigens auch Toiletten-Apps können überaus hilfreich sein. Allerdings kann es einem wie bei jedem Navi passieren, dass man versehentlich sozusagen auf dem Acker landet. Ist nämlich die angezeigte Toilette, samt des Kaufhauses in dem sie sich befand, schon längst abgerissen.

Wenn es keine behindertengerechten Toiletten gibt

Wenn die Autorin von Feuchtgebiete für ihren Bestseller im Rollstuhl hätte recherchieren müssen, wäre aus ihrem Buch wohl nur der halbe Spaß geworden. Denn geht man nur vom Alten Markt in Dortmund aus, hat man als Rollstuhlfahrerin wenig zu recherchieren. In eine der sechs Kneipen dort kommt man als Rollifahrerin erst gar nicht rein und bei vieren sind die Toiletten im Untergeschoß. Hier ist es ziemlich egal, ob sie behindertengerecht ausgestattet sind, ich zumindest kann diese „Feuchtgebiete“ nicht nutzen. Die sechste ist zwar ebenerdig. Aber schlichtweg zu klein.

Ok, das war hier immer schon so. Zu eng, zu klein und dann ist da noch der Bestandschutz. Aber wurde das MAXIMILIAN nicht vor einiger Zeit erweitert? Ja sicher, aber eben nicht um eine Toilette mit ebenerdigem Zugang für Rollstuhlfahrerinnen. Und hier frage ich mich, warum eigentlich nicht?

Oft frage ich mich auch, warum müssen Behinderten WCs häufig als Abstellraum genutzt werden. Erachtet man die Rollstuhl Toilette als nicht so wichtig, oder ist es nur Gedankenlosigkeit? Eigentlich ist es auch egal. Ein vollgestopfter Raum, meistens mit Mobiliar, macht den Toilettenbesuch nicht unbedingt angenehmer, dafür aber oft unmöglich.

Schade, dumm gelaufen

Sie ist groß, sie ist chic. Ich komme mit dem Rollstuhl sogar problemlos bis vor die Toilette. Aber Pech gehabt. Es gibt weit und breit keine Haltegriffe. Das ist mindestens so blöd als wäre eine Stufe direkt vor dem WC. Dabei gibt es heute schon Griffe, die fast in der Wand verschwinden und somit nicht das durchgestylte Design stören.

Doch Apps hin, Euroschlüssel her, wenn es keine behindertengerechte Toilette in der Nähe gibt kann einem das schon mal den Spaß verderben.

 

Corona sei Dank

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde weder das Tragen von Masken besonders prickelnd, noch das ständige Desinfizieren der Hände. Die übrigens Tillys Spülhände schon alle Ehre machen. Das Augenmerk liegt vielmehr auf Social Distance. Die soziale Distanz in Zeiten von Corona macht es möglich. So ist ein Mindestabstand von 1,50 Meter einzuhalten.

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Isabella – Glutenfreie Pâtisserie in Aachen

In „normalen“ Zeiten sind die Bewegungsflächen in Geschäften, Restaurants oder Cafés eher knapp bemessen. Hier wird von einer erwachsenen Person ausgegangen, die einen Radius von 60 Zentimetern benötigt. Bei Personen mit Gehhilfen oder blinden Menschen erweitert sich der Bewegungsradius auf 1,20 Meter mal 1,20 Meter. Und bei Rollstuhlfahrerinnen, selbstverständlich auch bei Rollstuhlfahrern, auf 1,50 Meter mal 1,50 Meter. Wobei wir wieder beim Mindestabstand wären.

Seit Corona fühlt sich jeder willkommen

Endlich habe ich Platz. Ich kann einen Tisch, den ich mir ausgesucht habe, ansteuern, er muss noch nicht einmal in der ersten Reihe stehen, kann ein wenig rangieren und schwuppdiwupp habe ich am Tisch eingeparkt. Vor Corona war die Auswahl der Plätze dagegen aufgrund der Enge der Tische für Rollstuhlfahrerinnen zumeist ziemlich eingeschränkt. Und nicht immer ist das Personal so aufmerksam wie im Aachener Bistro Leni liebt Kaffee. Hier helfen sie, die Stühle zu verschieben, die Tische zu rücken bis alles perfekt ist und man mit dem Rollstuhl bestens daran Platz nehmen kann.

Es ist schon verständlich, wenn nicht alle Gastronomen geneigt sind, das Mobiliar mit Enthusiasmus zu verschieben, sobald ein Rollstuhlfahrer auftaucht. Bedeutet ein einzelner Rollstuhl im Lokal in der Regel lediglich Umstände, so stelle man sich zwei oder gar drei Rollstuhlfahrer in einer überschaubaren Lokalität vor. Da würden sich mir als Gastwirtin die Haare zu Berge stellen. Denn der Mindestabstand von 1,50 Meter schnellt auf 1,80 Meter mal 1,80 Meter benötigter Fläche in die Höhe, wenn sich zwei Rollstuhlfahrer begegnen.

Ich gehe übrigens mal ganz wertneutral davon aus, dass der Anblick von Menschen im Rollstuhl heutzutage nicht mehr als Beleidigung des Auges gesehen wird. Trotzdem, die Nutzung der Räumlichkeiten würde enorm eingeschränkt, nehme man die 1,80 Meter als Regelfall. Zum Glück sind Rollstuhlfahrerinnen noch nicht die Regel. Und so muss ich mich auch nicht in die Ecke abschieben lassen, oder derartig flott aus dem Weg räumen lassen, als sei es ein Trick von Siegfried und Roy. Wenn ich mir das bei meinem nächsten Cafébesuch vor Augen halte, werde ich bestimmt auch etwas nachsichtiger, falls man mir nicht gleich beim Reinkommen mit Überschwang begegnet.

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Übrigens, ich liebe den Sommer. Denn draußen auf den Terrasssen, meistens mit ebenerdigen Zugang, fällt ein Rollstuhl mehr oder weniger nicht auf…